Der VfL Wolfsburg mag im Viertelfinale der Champions League gegen Real Madrid der große Außenseiter sein. Doch wenn es der Elf von Dieter Hecking gelingt, die Schwächen von Ronaldo & Co. zu nutzen, ist der VfL nicht chancenlos.

Es waren Bilder wie bei einem Popkonzert: Kreischende Fans standen dicht gedrängt hinter der Absperrung, als die Spieler von Real Madrid mit dem Teambus im Wolfsburger Hotel "Innside" eintrafen. Die meisten kamen nicht, um Gareth Bale oder Karim Benzema zu sehen. Nicht einmal wegen Weltmeister Toni Kroos. Die Jubelschreie galten fast ausschließlich Cristiano Ronaldo.

Der 31-Jährige ist der wohl größte Star, der jemals für ein Pflichtspiel in die Volkswagen Arena kam. In Wolfsburg ist eine wahre "Ronaldomania" ausgebrochen. Das nur 26.000 Zuschauer fassende VfL Stadion war ruckzuck ausverkauft. Sportchef Klaus Allofs sagt, man hätte sogar doppelt so viele Plätze füllen können - keine Selbstverständlichkeit, schaut man sich die teils halbleeren Ränge in dieser Champions-League-Saison an.

VfL-Trainer Dieter Hecking hofft allerdings, dass die Zuschauer nicht nur kommen, "um Ronaldo beim Fußballspielen zuzusehen". Das Publikum solle vielmehr die VfL-Kicker nach vorne peitschen. Denn Heckings Motto lautet: "In jedem Spiel hat man eine Chance!"

Doch wie soll der VfL Wolfsburg, der erst am Freitagabend gegen Bayer Leverkusen eine sportliche Bankrotterklärung (0:3) ablieferte, den laut "Forbes" wertvollsten Sportverein der Welt bezwingen? Und vor allem: Was tun gegen Ronaldo, der in der laufenden CL-Spielzeit bereits auf 13 Tore in acht Spielen kommt?

Wie kann man Ronaldo stoppen?

Der frühere Torhüter und heutige Fernsehexperte Jens Lehmann hat häufig gegen Ronaldo gespielt. Er weiß noch, wie dem Superstar beizukommen ist. "Drängt man ihn früh in die Mitte, ist er nicht mehr so effektiv. Er möchte lieber über den Flügel kommen, erst spät in die Mitte ziehen und dann abschließen oder abspielen."

Der ehemalige Nationaltorhüter fügt hinzu: "Außerdem ist es wichtig, ihn früh zu bedrängen. Möglichst schon bei der Ballannahme. Dann kann er seine Läufe nicht entfalten."

Wolfsburgs Flügelspieler Vieirinha kennt Ronaldo von der portugiesischen Nationalmannschaft und weiß, dass der Linksaußen schwer zu stoppen ist: "Das funktioniert nur im Kollektiv."

Was er meint: Ronaldo muss mindestens gedoppelt werden, also von zwei Defensivspielern gleichzeitig attackiert. Der Wolfsburger Rechtsverteidiger (wohl Vieirinha oder Christian Träsch) als direkter Gegenspieler des dreimaligen Weltfußballers, benötigt Unterstützung eines defensiven Mittelfeldspielers.

Diese Aufgabe könnte Luiz Gustavo übernehmen. Der Brasilianer hat gute Erfahrungen mit Real Madrid. Er hielt die Defensive zusammen, als Bayern München 2012 im Champions-League-Halbfinale Real Madrid bezwang.

Allerdings ist Ronaldo keineswegs der einzige Topspieler von Real Madrid. Torjäger Karim Benzema, der dribbelstarke Linksfuß Gareth Bale, Mittelfeldstratege Toni Kroos und Weltklasseverteidiger Sergio Ramos sind nur einige von ihnen.

Doch die "Königlichen" sind nicht unschlagbar. Ansonsten wären sie im Meisterschaftskampf nicht so abgeschlagen - und das trotz des schmeichelhaften 2:1 am Samstag im "Clásico" gegen den FC Barcelona.

Die Schwächen von Real Madrid

Ein Problem von Real Madrid: Die Stars neigen gegen vermeintlich schwächere Mannschaften zu Nachlässigkeiten. Vergangene Saison wären sie im Achtelfinale fast am FC Schalke 04 gescheitert. In der Liga unterlagen sie in dieser Saison mit dem FC Sevilla und dem FC Villareal zwei Mannschaften, die nicht stärker als der VfL Wolfsburg einzuschätzen sind.

Auch taktisch läuft bei den Madrilenen nicht alles rund. Das Aufbauspiel über das Mittelfeld ist oftmals zu behäbig. Bei Ballverlust sind sie sehr konteranfällig. Zudem bereitet es ihnen oft Probleme, gegen defensiv geordnete Mannschaften Lücken zu finden.

Die pfeilschnellen Außenspieler Ronaldo und Bale sind am gefährlichsten, wenn auch der Gegner offensiv spielt und sich dadurch Räume ergeben. Diesen Gefallen sollte ihnen der VfL Wolfsburg besser nicht tun. Die Niedersachsen müssten den Fokus auf eine kompakte Verteidigung und schnelle Konter legen. Dann kann die Sensation gelingen.

Das Personal dazu wäre vorhanden. Naldo könnte nach überstandener Verletzung zurückkehren und gemeinsam mit Dante eine kompakte Innenverteidigung bilden. Außerdem steht mit dem genesenen Bas Dost wieder ein echter Knipser im Kader.

Und die deutschen Nationalspieler Julian Draxler sowie André Schürrle scheinen speziell in der Champions League zur Höchstform aufzulaufen. Dieter Hecking verspricht daher: "Wenn Real uns nur eine kleine Chance lässt, dann werden wir alles versuchen, diese zu ergreifen."