Herzlich Willkommen zur wissenschaftsanalytischen Fach-Review der KW 31. Die erste Woche seit Aufzeichnung der Wetterdaten, die mit einem Hitzerekord für die AfD in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Marie von den Benken dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Ja, Sie lesen richtig: Wir haben soeben eine Traumwoche für die selbsternannte "Alternative für Deutschland" durchlebt. In den vergangenen sieben Tagen hatte die fleischgewordene intellektuelle Insolvenzmasse aus der Trümmertruppe von Internatsleiterin Alice Weidel den mainstream-verseuchten Medienzirkus derartig im Würgegriff – Volker Wissing wäre vor Schreck beinahe sein Sofort-Programm für das Verkehrsministerium aus der Hand gefallen: "Do everything Andi Scheuer did – Only shittier".

In dieser legendären Woche für denkasketische Teilzeit-Rassisten, Putin-Verehrer und Hetzparolen-Connaisseurs fanden unter dem offiziellen Titel "AfD Parteitag" nicht nur die Nationalen Aluhut-Festspiele statt. Nein, auch Tino Chrupalla, Deutschlands bekanntester Lyrik-Guru, bekam seinen großen Richard David Precht Moment. Und als Bonus klärte Joana Cotar uns über die Tücken der Logik hinter Prozentrechnungen und Statistiken auf.

Wobei man aus Transparenzgründen an dieser Stelle natürlich erwähnen muss, dass Frau Cotar sich zwar Ende 2021 via AfD einen gut dotierten Posten als Bundestagsabgeordnete sicherte, dann aber Ende 2022 aus der Partei ausstieg. Offiziell aufgrund der "Anbiederung an die diktatorischen und menschenverachtenden Regime in Russland, China und Iran", des "Opportunismus und das Dauermobbing im Kampf um Posten und Mandate" sowie dem "Aufbau korrupter Netzwerke in der Partei". Gut, wenn man mal einer Rede von Björn Höcke beiwohnen musste, ahnt man, dass das nicht zwangsläufig die problematischsten Bereiche der AfD sind, aber bezeichnend ist es dennoch. Nun aber mal der Reihe nach.

Panoptikum der Panikmache

Hauptzweck des AfD-Parteitags in Magdeburg war die Vorstellung der Kandidaten für die Europawahl und ihre anschließende Nominierung. Das dafür notwendige Auswahlverfahren geriet spontan zu einer mehrtägigen Slapstick-Einlage, zu der sich nicht mal das "ZDF Magazin Royale" getraut hätte. Es sprachen zahlreiche Bewerber und Bewerberinnen für einen Listenplatz zum Einzug ins EU-Parlament, die bei der kommenden Verleihung des Deutschen Comedypreises zu den heißesten Favoriten zählen müssten.

Die 26-jährige Bewerberin Marie-Thérèse Kaiser etwa inszenierte sich als Powerfrau mit "21 Jahren Berufserfahrung". Damit löste sie eine minutenlange tumultartige Suche nach Taschenrechnern und einige investigative Rechercherunden aus. Plötzlich rumorte es im Saal. Bei der anschließenden Fragerunde wurde entsprechend häufig darauf verwiesen, dass 21 Jahre Berufserfahrung für eine 26-Jährige selbst für einen Saal voller Menschen unrealistisch erscheinen, die Hitler und die NSDAP lediglich für einen "Vogelschiss in 1.000 Jahren deutscher Geschichte" halten. Kaiser zeigte sich jedoch vorbereitet und erklärte: "Ich habe mit vier Jahren begonnen, als Model zu arbeiten." Sie gab zu, dass Model kein Ausbildungsberuf sei, wer aber "in der Modeindustrie tätig war, der wird die Politik als Streichelzoo verstehen".

Der Kaisers neue Neider

Man könnte jetzt anmerken, Frau Kaiser müsste mit 26 Jahren und einem Karrierestart im zarten Alter von vier Jahren heute korrekterweise eigentlich bereits über 22 Jahre Berufserfahrung verfügen und dass es in der AfD selten darum geht, Politik zu verstehen – aber geschenkt. Interessanter ist, dass auf Kaisers offiziellem Instagram-Kanal kein einziges professionelles Model-Foto von ihr zu finden ist. Auch Hinweise auf die von ihr postulierten "unterschiedlichen renommierten Marken", für die sie als Model zum Einsatz gekommen sein will, sucht man vergebens. Ungewöhnlich für eine Branche, in der Instagram inzwischen zur wichtigsten Visitenkarte für Models geworden ist.

Der Instagram-Kanal von Marie-Thérèse Kaiser hingegen besteht weitestgehend aus Parolen-Kacheln mit neurechten Slogans und Anbiederungs-Postillen, in denen sie auf oftmals bizarr verstörende Art und Weise ihre Verehrung für Björn Höcke zum Ausdruck bringt. Im Kontext ihrer politischen Geisterfahrer-Haltung wirkt es daher nicht sehr überraschend, dass das Rotenburger Amtsgericht sie jüngst der Volksverhetzung für schuldig sprach. Sie hatte Afghanen pauschal als Gruppenvergewaltiger bezeichnet.

Am Ende fiel Marie-Thérèse Kaiser in Magdeburg bei der Abstimmung durch. Ob es an der zweifelhaften Belegsituation ihrer Berufserfahrung lag, oder daran, dass das deutlich männerlastige Plenum eine 26 Jahre junge Frau lieber erstmal 20 Jahre lang als Gebärmaschine für den Volkskörper einsetzen würde, bevor sie Karriere machen darf, ist ungeklärt. Vielleicht neidet man ihr auch ihren glamourösen Job, dem sie mittlerweile allerdings aufgrund ihres AfD-Engagements nicht mehr so erfolgreich nachgehen kann wie damals mit vier Jahren: "Ich kann den Beruf als Model aus politischen Gründen in Zeiten der sogenannten Cancel Culture nur noch gelegentlich ausüben." Es ist einfach ein Skandal. Nichts darf man mehr sagen. Nicht mal in der Fashion-Industrie.

Marie-Thérèse Kaiser jedenfalls wird nicht das erste AfD-Model im Europaparlament. Schade. Wer hätte sie nicht gerne in Brüssel eine Rede zum Thema Klimapolitik halten hören, in der sie vielleicht Dinge gesagt hätte wie: "Ich bin natürlich keine Wissenschaftlerin, aber wer mal als Model acht Stunden bei Minus zehn Grad Fotos im Bikini machen musste, der wird den Klimawandel als Streichelzoo verstehen."

Pimpern für das Vaterland

Aber auch jenseits von Magdeburg sorgte die AfD für hochwertigen Nachschub für das Sommerloch-Nachrichtendelta. Nachdem sich im traditionellen ZDF-Sommerinterview zuletzt bereits Friedrich Merz mit seiner Werbeaktion für kommunale Zusammenarbeit zwischen CDU und AfD selbst beerdigt hatte, gab sich diesen Sonntag das Lyrische Ich der AfD höchstselbst die Ehre: Tino "Lieblingsgedicht" Chrupalla. Und der hatte einige bemerkenswerte Forderungen vorbereitet. Die sicherlich skurrilste dürfte sein Konzept gegen den dramatischen Fachkräftemangel in Deutschland sein: "Wir brauchen keinen Zuzug aus dem Ausland, wir müssen mehr Kinder machen." Ich schwöre, das habe ich mir nicht ausgedacht!

Mal abgesehen davon, dass die AfD-Kernzielgruppe aus Männern jenseits der 50 besteht, in deren Lebensrealität der Kinderwunsch zumeist eher zweitrangig ist, würde Chrupallas Lösungsansatz einer Pimper-Offensive für das Vaterland erst in etwa 20 Jahren Früchte tragen. Eine fast so lange Zeit, wie die Modelkarriere von Marie-Thérèse Kaiser. Etwas zu spät also für ein bereits heute extrem drängendes Problem. Wobei "Ficken für Fachkräfte" natürlich ein würdiger Nachfolger für "Kinder statt Inder" wäre.

Ansonsten wird Lyrikprofessor Chrupallas Lösungsansatz sogar in der CDU kritisch gesehen. Denn auch bei den einst als christlich und demokratisch geltenden Oppositions-Amateuren gilt Fachkräftemangel als Schlüsselproblematik. So gibt es niemanden in der Partei, der sich ernsthaft vorstellen könnte, noch 18 Jahre auf die Ablösung von Friedrich Merz zu warten.

Lanz kocht: Scheidenpilz-Ragout

Ob die Militär- und Kriegsbeauftragte der virtuellen Schwurbelakademien, Ulrike Guérot, bereits AfD-Mitglied ist: unklar. Zweifelsfrei bestätigt hat sich derweil aber die lange unterschätzte Gefahr, sich bei Markus Lanz eine Geschlechtskrankheit einzufangen. Das jedenfalls behauptete Guérot diese Woche in ihrer Jahrhundertentdeckung der Herpes-Forschung.

In einem Interview berichtete die hauptberuflich als Offene-Briefe-Verfasserin arbeitende Guérot über einen Scheidenherpes, den sie sich bei Markus Lanz geholt hatte: "Ich bin aus dieser Sendung raus und hatte tatsächlich einen Herpes an der Scheide." Ausgelöst durch "männliche Brutalität". Das hat sich Guérot auch medizinisch bestätigen lassen: "Ich bin am nächsten Tag zu einer Gynäkologin, die mir gesagt hat, so was hätte sie noch nie gesehen. Und die hat das fotografiert fürs Lehrbuch."

Mit Vaginalherpes (Fachbegriff: Herpes Genitalis Marcus Lanzus) ist nicht zu spaßen. Dass er sich durch Talk-Kontakt zu Markus Lanz überträgt, halte ich allerdings für zweifelhaft. Würde man nämlich durch verbale "männliche Brutalität" Genitalherpes bekommen, hätte die Pharmaindustrie allein mit Sawsan Cheblis Bedarf an antiviralen Medikamenten ihren Jahresgewinn verachtfach.

Ach Mist. Nun sind meine Ausführungen zum Thema intellektueller Genitalherpes (AfD) und körperlicher Genitalherpes (Guérot) so ausführlich geraten, dass ich aus Platzgründen das versprochene Prozentrechnung-Tutorial mit Joana Cotar auf nächste Woche verschieben muss. Bleibt aber dran – es lohnt sich! Kognitive Abgründe, wie man sie nie für möglich gehalten hätte. Versprochen! Bis Montag!


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