Glückslos? Von wegen! Der FC Sevilla ist eine Mannschaft, die gerade im Europapokal stets über sich hinauswächst und die Bayern heute in einem echten Hexenkessel empfängt.

Auf den ersten Blick hätte es den FC Bayern München im Champions-League-Viertelfinale wirklich schwerer treffen können. Real Madrid, der FC Barcelona und Manchester City waren im Los-Topf. Da klingt der FC Sevilla, der nur auf dem 7. Tabellenplatz der spanischen Liga steht, doch wie ein Traumlos. Oder etwa nicht?

"Wir haben allerhöchsten Respekt vor dem FC Sevilla", sagt Bayern-Trainer Jupp Heynckes. "Sie haben große Willensstärke, zeigen viel Aggressivität und spielerische Klasse." Defensiv-Allrounder Javi Martinez schätzt die Chancen gerade einmal "fifty-fifty" ein und sagt: "Sie waren eines der schwierigsten Lose, die wir hätten bekommen können."

Sagen die Bayern das nur, um den Gegner stark zu reden? Befürchten sie vielleicht den "Spanien-Fluch", weil die Münchner nach dem Champions-League-Gewinn von 2013 immer an spanischen Mannschaften scheiterten? Oder aber ist der FC Sevilla wirklich ein so starker Gegner?

Stolperstein für die Top-Mannschaften

Die Mannschaft aus Andalusien hat zwar keinen Mega-Star im Kader, ist aber gerade für Top-Teams schwer zu bespielen. Im Achtelfinale wurde die Millionen-Truppe von Manchester United aus dem Wettbewerb gekegelt. In der Gruppenphase gelangen selbst Jürgen Klopp und dem FC Liverpool kein Sieg gegen Sevilla.

Besonders beeindruckend: Am Samstagabend wurde der FC Barcelona teilweise an die Wand gespielt. Nur mit viel Glück verhinderte Barca-Star Lionel Messi mit einem späten Treffer die erste Pflichtspiel-Niederlage der Saison. Die Partie endete 2:2.

Sevilla wächst im Pokal über sich hinaus

Der deutsche Ex-Profi Andreas Hinkel hat selber für den FC Sevilla gespielt und kennt die Mentalität. Er bezeichnet den Verein im kicker als Spaniens Pokalklub schlechthin, der "sich ganz besonders auf solche Spiele zu fokussieren versteht. Auch weil man weiß, wie schwierig es ist, Meister zu werden."

Über eine ganze Saison ist es kaum möglich, mit Barcelona oder Real Madrid zu konkurrieren. Dafür wächst Sevilla in den Pokalwettbewerben über sich hinaus, gewann alleine von 2014 bis 2016 drei Mal in Folge die Europa League. "Jeder Spieler bei uns hat ein ausgeprägtes Wettbewerbs-Gen. Wenn es um etwas geht, sind wir noch motivierter", sagt Kapitän Sergio Escudero in der Sport Bild.

Auch Johannes Geis, der einzige Deutsche im Team vom FC Sevilla, schickte den Bayern über die Bild-Zeitung warnende Worte. "Wir sind kein Glückslos", sagte der von Schalke verliehene Mittelfeldspieler. "Zusammen mit den Zuschauern wird das Stadion brennen, das kann ich versprechen."

Die Hölle von Sevilla

Tatsächlich gilt das Estadio Ramón Sánchez-Pizjuán, wo die Bayern heute um 20:45 Uhr auflaufen werden, als einer der lautesten Hexenkessel von Europa. Die Tribünen sind extrem nahe am Spielfeld gebaut und sehr steil, sodass die stimmungsgewaltigen 42.500 Zuschauer direkt am Geschehen sind und für eine kochende Atmosphäre sorgen.

Das Besondere: Anders als in vielen anderen Stadien wird nicht nur von einer Fankurve, sondern von allen Tribünen aus Stimmung gemacht. Kapitän Escudero spricht deshalb von der "Hölle von Sevilla".

Sevillas Kader gut besetzt

Von der Spielphilosophie ist der FC Sevilla eine typisch spanische Mannschaft. Das heißt: Die Akteure glänzen mit einer herausragenden Technik. Auch wenn der Kader auf den ersten Blick keine großen Namen beinhaltet, ist der FC Sevilla individuell gut besetzt.

Da wäre zum Beispiel Clement Lenglet, der als einer der besten Innenverteidiger der spanischen Liga zählt und laut Medienberichten vom FC Barcelona umworben wird. Gemeinsam mit dem Ex-Wolfsburger Simon Kjaer soll er heute Robert Lewandowski stoppen.

Nach Ballgewinnen schalten die Spanier über die flinken Flügelspieler wie Joaquin Correa und Pablo Sarabia blitzschnell um. Für die Tore war zuletzt meist der wuchtige Stürmer Luis Muriel zuständig. In dem französischen Nationalspieler Wissam Ben Yedder hat Sevilla noch einen weiteren Torjäger in der Hinterhand, der Manchester United im Achtelfinale per Doppelpack praktisch im Alleingang bezwang.

Und dann wäre da auch noch der auf der rechten Seite flexibel einsetzbare Jesus Navas, der in Spanien als Volksheld verehrt wird, weil er im WM-Finale von 2010 gegen die Niederlande mit einem starken Dribbling die Situation zum Siegtreffer einleitete.

Trochowski: Das kann den Bayern weh tun

Laut Ex-Profi Piotr Trochowski, der sowohl für die Bayern wie auch für Sevilla gespielt hat, könnten die Spanier durchaus ein Stolperstein für den deutschen Rekordmeister sein. "Obwohl jedes Jahr neue Spieler dazukommen, hat es der Klub geschafft, aus der Mannschaft immer eine Einheit zu bilden", sagte er bei Sport1. "Die Aggressivität in den Zweikämpfen ist enorm. Das kann den Bayern weh tun."

Kein Wunder also, dass keiner von einem Glückslos spricht.