• Mit Jean-Marie Pfaff kehrt im Sommer 1982 Kontinuität ins Tor des FC Bayern München zurück - er wird sechs Jahre lang im Kasten des FC Bayern stehen.
  • Mit dem Belgier sind einige unvergessene Momente der Vereinsgeschichte verbunden. Los geht es bereits mit Pfaffs Debüt in der Bundesliga.
  • 39 Jahre danach legt er seine Biografie vor.

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Unter den legendären Bundesliga-Torhütern des FC Bayern München befindet sich mit Jean-Marie Pfaff einer dieser Typen, die heute von Fans und Journalisten vielerorts so schmerzlich vermisst werden: offen und herzlich, erfahren und mit Führungsqualitäten, voller Ehrgeiz und Einsatz, beliebt bei Kollegen und Anhang, dazu sportlich herausragend.

Pfaff ist im Sommer 1982, als er vom SK Beveren für umgerechnet 400.000 Euro Ablösesumme an die Isar wechselt, ein längst etablierter Profi: 28 Jahre alt, EM-Zweiter nach einer Finalniederlage gegen Deutschland 1980, mit Belgien im Eröffnungsspiel der WM 1982 Bezwinger des damaligen Titelverteidigers Argentinien mit dessen Jahrhunderttalent Diego Maradona.

Jean-Marie Pfaff tritt in die Fußstapfen Sepp Maiers

Pfaff gelingt es drei Jahre nach dem abrupten Karriereende Sepp Maiers - der bei einem Autounfall lebensgefährlich verletzten FCB-Ikone -, die enstandende Lücke zwischen den Pfosten für die kommenden Jahre auszufüllen. Dies war zuvor Walter Junghans, 1980 als Ersatztorwart des DFB Europameister, und Manfred Müller nicht geglückt.

Uli Hoeneß, FC Bayern München, Bundesliga, 1975/76
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Der FC Bayern München ist eine große Familie: Sie kamen zurück

Beim FC Bayern München wird Identifikation groß geschrieben. Das Motto "Mia san mia" ist kein Marketing-Slogan, sondern wird insbesondere unter Manager und Präsident Uli Hoeneß seit Jahrzehnten gelebt. Ein Blick in die prominente Bayern-Familie.

Dabei misslingt Pfaffs Debüt in der Bundesliga auf legendäre Art und Weise. In Bremen unterschätzt der Neuling im ersten seiner schließlich 156 Bundesligaspiele am 21. August 1982 einen der berühmten weiten Einwürfe des damaligen Nationalspielers Uwe Reinders - und lenkt ihn ins eigene Tor ab. Es bleibt bei diesem Treffer in der 44. Minute. Für den Titelkandidaten und dessen prominenten Neuzugang ist der Fehlstart perfekt.

Bremen verpasst daraufhin nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz gegenüber dem punktgleichen Titelverteidiger Hamburger SV die deutsche Meisterschaft. Mit acht Punkten Rückstand (bei damals noch geltender Zwei-Punkte-Regel für einen Sieg, Anm. d. Red.) nur auf Rang vier: der FC Bayern mit Pfaff.

Der wartet bis 1984, als die Bayern in Frankfurt in einem dramatischen Elfmeterschießen Borussia Mönchengladbach im letzten Endspiel des DFB-Pokals vor dem dauerhaften Umzug nach Berlin schlagen, auf seinen ersten Titel in Deutschland.

Lothar Matthäus jagt den Ball über Jean-Marie Pfaffs Kasten

In jenem Elfmeterschießen kommt es zu einem der unvergessenen Momente, die mit Toren - in diesem Fall aber einem nicht erzielten - und Pfaff zu tun haben. Als erster Schütze jagt Pfaffs späterer Bayern-Kollege Lothar Matthäus an besagtem 31. Mai 1984 die Kugel über die Querlatte des Tores. Der FC Bayern gewinnt nach einem weiteren Gladbacher Fehlschuss von Norbert Ringels mit 7:6 im Elfmeterschießen.

Im Halbfinale zuvor steht Pfaff im Tor, als der damalige Zweitligist FC Schalke 04 dank dreier Tore eines überragenden 18-Jährigen namens Olaf Thon ein 6:6 nach Verlängerung erzielt. Erst im seinerzeit noch notwendigen Wiederholungsspiel setzt sich der Favorit in München knapp mit 3:2 durch.

Eigentor des FC Bayern wird zum "Tor des Monats" gewählt

Auf die Saison mit dem Pokalsieg lassen die Bayern - mit Pfaff - ihre erste Meistersaison seit 1980/81 folgen. Als der Titelverteidiger dann am 10. August 1985 in Uerdingen in Pfaffs vierte Saison in der Bundesliga startet, liegt besondere Brisanz über der Partie. Uerdingen hat keine drei Monate zuvor dem haushohen Favoriten im Finale des DFB-Pokals durch ein 2:1 das mögliche Double, das erste seit 1969, verdorben.

Das Wiedersehen in Uerdingen entscheidet eines der kuriosesten Eigentore der Bundesliga-Historie. Nicht Pfaff erzielt es, aber er ist chancenlos gegen den satten Weitschuss seines Kollegen Helmut Winklhofer. Dessen sportliches Missgeschick trägt ihm überdies bei der Wahl in der "Sportschau" der ARD die Auszeichnung zum "Tor des Monats" ein.

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Zum Ende jener Saison braucht Tabellenführer Werder Bremen im Heimspiel gegen die Bayern am 33. Spieltag nur noch einen Sieg, um vorzeitig die 1983, 1984 und 1985 jeweils knapp verpasste Meisterschaft zu erringen. Beim Stande von 0:0 in der 89. Minute schickt Bremens etatmäßiger Schütze Michael Kutzop bei einem Handelfmeter Pfaff ins falsche Eck. Kutzops Schuss aber prallt am Außenpfosten ab. Meister - und noch dazu Pokalsieger - wird in den zwei Wochen danach der FC Bayern München.

Und nach der WM 1986 in Mexiko, die Pfaff mit seiner Nationalmannschaft nach dem Halbfinal-Aus gegen den späteren Weltmeister Argentinien auf Rang vier beendet, liefert der Belgier unfreiwillig zu Saisonbeginn 1986 wieder eines dieser ikonischen Bilder der Bundesliga-Geschichte.

Fast-Absteiger Borussia Dortmund, 1985/86 erst in der Schlussminute der Relegation gerettet, gastiert beim Meister in München. Der BVB, trainiert vom früheren Bayern-Coach Reinhard Saftig, denkt nicht daran, die seitens des Gastgebers fest eingeplanten Punkte im Olympiastadion zu lassen.

Frank Mill vergibt in München bei seinem BVB-Debüt die "Tausendprozentige"

Frank Mill, Dortmunds Stareinkauf aus Mönchengladbach, hat zu seinem Einstand den Sieg auf dem Fuß, als er die gesamte Abwehr der Bayern düpiert und aufs verwaiste Tor zusteuert. Der spätere Weltmeister aber trifft aus kürzester Entfernung nur den Pfosten. Pfaffs verzweifelte Grätsche hat ihn irritiert. "Tausendprozentige" (Mill) ausgelassen.

Vergessen wird aber immer, dass es in der zweiten Halbzeit Mills Vorlage ist, die der spätere Sportdirektor Michael Zorc zum überraschenden 2:2-Endstand verwertet. Am Saisonende 1986/87 sind die Bayern trotzdem zum dritten Mal nacheinander Deutscher Meister, Dortmund als Vierter weit besser platziert als erwartet. Pfaff wird 1987 als bester Torhüter der Welt ausgezeichnet.

Auf diesen und viele weitere Momente mehr aus seiner beeindruckenden Karriere blickt Pfaff im Alter von 68 Jahren in seiner Autobiografie zurück.

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In dem Buch mit dem Titel "Mein Leben – Vom Straßenfußballer zum Welttorhüter" (erschienen im Verlag "Sicher Wissen", Bayreuth) berichtet Pfaff auf knapp 300 Seiten vor allem auch über den nicht immer einfachen Beginn seiner Karriere und wie ihm die Unterstützung seiner Familie auf dem Weg an die Spitze geholfen hat.

Das Buch zeichnet ein Bild vom Familienmensch hinter dem Fußballprofi, beleuchtet aber auch die Erfolge mit den Bayern und der belgischen Nationalmannschaft.

Jean-Marie Pfaff dankt mit seiner Biografie "Familie, Freunden und Fans"

Pfaff, Sohn eines Artisten-Ehepaars, das im Wohnwagen durch Belgien zog, wuchs gemeinsam mit elf Geschwistern in vergleichsweise ärmlichen Verhältnissen auf. Nach dem frühen Tod des Vaters musste Jean-Marie bereits als 14-Jähriger als Mitarbeiter in einer Teppich-Fabrik seinen Teil zum Lebensunterhalt der Großfamilie beitragen.

"Fußball ist schön - aber hart, und das Leben ist es auch. Man muss lernen, damit zu leben und sich seinen Weg bahnen. Ohne die Unterstützung meiner Familie, meiner Freunde und Fans wäre ich niemals so erfolgreich geworden. Das liegt mir am Herzen, und mit diesem Buch möchte ich mich bei allen bedanken, die immer an meiner Seite waren", sagte der Belgier dem SID.

Mit Material des SID