Das Länderspiel Deutschland gegen Argentinien ist trotz Verletzungsmisere weit mehr als ein Test. Für Bundestrainer Joachim Löw geht es mit Blick auf die EM 2020 darum, dringend Schwachstellen zu beheben. Unsere Redaktion erklärt, welche.

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Joachim Löw klang vor dem Länderspiel an diesem Mittwoch (20:45 Uhr, im Liveticker) eher so, als sei die Partie Deutschland gegen Argentinien schon gespielt.

"Ich finde es sehr schade, weil es unser Ziel war, dass sich die junge Mannschaft einspielt", sagte der Bundestrainer in Dortmund mit Blick auf die Verletzungsmisere des DFB-Teams: "Im März hatten wir die Idee, die Mannschaft in diesem Jahr häufig zusammenspielen zu lassen."

Mittlerweile sind es aber 13 Nationalspieler, die sicher ausfallen. Das erschwert Löws ohnehin schwierigen Job. Schließlich ist die paneuropäische EM 2020 nicht weit, bei der Deutschland - im Falle einer Qualifikation - mindestens zwei Spiele in München bestreiten wird. Unsere Redaktion erklärt, welche entscheidenden Baustellen Löw in den kommenden Monaten hat.

1. Joachim Löw muss Alternativen einbauen

Löw nennt, wie viele seiner Kollegen, nicht so gerne Namen, wenn es darum geht, Stützen einer Mannschaft zu benennen. Und doch hatte sich klar herauskristallisiert, dass Leroy Sané (Manchester City) und Leon Goretzka vom FC Bayern maßgebliche Puzzleteile eines Neuanfangs sein würden. Auch Thilo Kehrer (PSG) wurden Chancen eingeräumt, in der Post-Weltmeister-Ära zum Stammspieler zu reifen.

Sie alle sind aber (lange) verletzt oder angeschlagen, fallen gegen Argentinien ebenso aus wie Routinier Toni Kroos und Julian Draxler, nachweislich einer von Löws Lieblingsspielern. Im Zuge einer langen Saison sind solche Ausfälle freilich keine Seltenheit.

Deshalb geht es für Löw darum, Alternativen ein- und aufzubauen. Die Nominierungen des deutschlandweit eher unbekannten Freiburger Innenverteidigers Robin Koch (23 Jahre) und von Schalkes Bundesliga-Shootingstar Suat Serdar (22) sind gute Beispiele, ebenso die neuerliche Berücksichtigung von Sturm-Hoffnung Luca Waldschmidt (23 Jahre, SC Freiburg). Waldschmidt wird gegen Argentinien genauso wie der Berliner Verteidiger Niklas Stark sein Länderspieldebüt geben, wie Löw ankündigte.

2. Joachim Löw muss die Offensive unberechenbar machen

Schaut man sich die letzten vier Tore der deutschen Nationalmannschaft an, fällt auf: Es mangelt an Unberechenbarkeit. Zweimal traf Serge Gnabry, seit Monaten in überragender Form. Gegen die Niederlande (2:4) versenkte Toni Kroos einen Elfmeter, hinzu kommt ein Gewaltschuss von Leipzigs Marcel Halstenberg gegen Nordirland (2:0). Das war es aber schon.

Marco Reus (BVB) und Timo Werner (RB Leipzig) haben dagegen im DFB-Team nachweislich große Probleme, ihre unbestritten große Torgefahr zu entfalten. Inklusive der WM 2018 hat der Schwabe Werner in seinen vergangenen 13 Länderspielen nur zwei Treffer erzielt, einen davon beim Kantersieg gegen Estland (8:0).

Beim Westfalen Reus waren es drei Tore in den vergangenen acht Länderspielen, davon aber ebenfalls zwei gegen die drittklassigen Esten. Schon länger werden Rufe laut, Leverkusens Kai Havertz (20 Jahre), bislang nur Joker und noch ohne Länderspieltor, auf der Zehn als Stammspieler zu integrieren.

Rekordnationalspieler und Experte Lothar Matthäus hatte schon vor dem Nordirland-Spiel in der "Bild" einen Startelfeinsatz des Supertalents gefordert, "denn er ist in Topform". Reagiert Löw jetzt?

3. Abwehr des DFB-Teams braucht mehr Stabilität

Niklas Süle ist laut Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge "Deutschlands bester Innenverteidiger". Doch sowohl der Abwehr des Rekordmeisters als auch der Defensive der Nationalmannschaft mangelt es an Stabilität.

Konkret: Süle ließ sich sowohl beim 2:4 gegen die Niederlande (gemeinsam mit dem überforderten Jonathan Tah) als auch beim FC Bayern bei Kontersituationen reihenweise überrumpeln, zum Beispiel in der ersten Halbzeit gegen Tottenham Hotspur (7:2), nach der es aus Bayern-Sicht auch hätte 1:3 stehen können. Oder beim 1:2 gegen 1899 Hoffenheim, aber auch etwa beim Bundesliga-Auftakt gegen Hertha BSC (2:2).

Bezeichnend: Mitte der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim schlug der 24-jährige Abwehrhüne einen langen Pass durch die Schnittstelle direkt auf einen Gegenspieler, wandte sich ab und schüttelte frustriert den Kopf. Sowas passiert im Fußball, einem Weltmeister Mats Hummels aber seltener als Süle.

Die Dortmunder Kollegen Reus und Julian Brandt machten sich für den 30-Jährigen stark - vergeblich. Aber warum? Süle: nicht in Bestform. Tah: krank. Antonio Rüdiger: verletzt. Die Lösung würde Hummels lauten. Doch Löw schließt diese (vorerst) aus.

4. Joachim Löw braucht einen oder mehrere Leader

"Mats würde mit seiner Erfahrung jeder Mannschaft gut tun, die jungen Spieler auch führen", sagte Ex-Nationalverteidiger Jens Nowotny bei "Sport1" zur Personalie Hummels. In Fußball-Deutschland wird schließlich gerne über sogenannte Leitwölfe diskutiert – darüber, ob es solche wirklich braucht.

Beispiele gibt es in der Geschichte zumindest hinreichend: Jürgen Klinsmann und Matthias Sammer beim EM-Sieg 1996, Oliver Kahn und Michael Ballack bei der Vize-Weltmeisterschaft 2002, Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm beim WM-Triumph 2014.

Fakt ist: Seit dem WM-Debakel in Russland hat sich noch keine klare neue Hierarchie entwickelt. Kroos kämpft sichtlich mit seiner Rolle als Anführer. Und Torwart Manuel Neuer, Löws Kapitän, wurde unlängst von seinem Herausforderer Marc-André ter Stegen öffentlich infrage gestellt.

Löw hat in dieser Gemengelage keinen klar benannten Leader. Viele Experten plädieren für Joshua Kimmich, den Löw mittlerweile zum Sechser umfunktioniert hat, damit der erst 24-Jährige in der Zentrale Einfluss nehmen kann. Fehlt nur noch ein öffentliches Bekenntnis zu ihm als Leader. Und, dass Löw neben ihm und Neuer bald noch ein, zwei weitere Anführer findet.

Verwendete Quellen:

  • Transfermarkt.de
  • Sport1-Interview: "Hummels-Rückkehr ins Nationalteam? Das sagen die DFB-Legenden"
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