Alphonso Davies ist mit 19 Jahren viel weiter als es Fußball-Experten vermutet hatten. Das Bayern-Juwel weiß auf ungewohnter Position zu überzeugen. Dauerhaft?

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Als der FC Bayern im Juli 2018 am Rande der inzwischen obligatorischen US-Tour die Verpflichtung von Alphonso Davies bekannt gab, sorgte das nicht gerade für Euphorie in München. Der damals 17-jährige Kanadier war den meisten Beobachtern in Deutschland völlig unbekannt.

Mancher vermutete sogar einen Marketing-Gag dahinter, um die Trikot-Verkäufe auf dem nordamerikanischen Markt anzukurbeln. Und selbst Insider, die Davies längst als eines der größten Talente des Jahrgangs 2000 auf dem Schirm hatten, waren skeptisch, ob der Sprung nach Deutschland nicht zu früh kommt.

Zeit brauchen wird er. Da waren sich alle einig.

Davies überzeugt im Bundesliga-Topspiel gegen den BVB

Nur etwas mehr als ein Jahr später ist Davies nicht nur angekommen in München, sondern seit Wochen als Linksverteidiger ein fester Bestandteil der Münchner Startelf. Davies ist kurz nach seinem 19. Geburtstag viel weiter als erwartet. Ausgerechnet im Top-Spiel gegen Borussia Dortmund machte Davies sein bisher bestes Spiel im Bayern-Trikot.

Wer vor dem Spiel erwartet hatte, dass Dortmund vor allem über die starke rechte Seite Akzente setzen würde, sah sich getäuscht. Achraf Hakimi und Jadon Sancho waren zu keinem Zeitpunkt in der Lage, es mit dem Speed von Kingsley Coman und Davies aufzunehmen.

Zum ersten Mal traute sich der junge Kanadier dabei auch zu, seinen Vordermann immer wieder zu hinterlaufen und die Schwarz-Gelben damit weit in die eigene Hälfte zu drücken.

Sancho wird nach 36 Minuten ausgewechselt - auch wegen Davies

Auch defensiv stand Davies seinen Mann gegen einen anderen hochgelobten 2000er. Mehr als das. Jadon Sancho musste bereits nach 36 völlig wirkungslosen Minuten vom Feld. Sancho war angeschlagen, doch das sei nicht der Grund für die Auswechslung gewesen, stellte BVB-Trainer Lucien Favre nach der Partie klar.

Er war schlichtweg mit der Leistung des jungen Engländers nicht zufrieden. Davies hatte ihm das Leben schwer gemacht.

94 Prozent erfolgreiche Pässe, 3 gewonnene Dribblings, dazu 9 von 11 gewonnene Zweikämpfe waren die eindrucksvolle Bilanz im Spiel gegen Dortmund: Davies begeisterte die Arena mit seinem hoch engagierten, furchtlosen Spiel, wie es zuletzt vor acht Jahren nur der junge David Alaba auf der Linksverteidiger-Position vermochte.

Das hilft ganz nebenbei auch dem angeschlagenen Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Davies könnte sein erster richtiger Treffer werden.

Davies' märchenhafter Aufstieg

Noch beeindruckender als seine Leistungen in den vergangenen Wochen ist Davies Geschichte. Er wurde in einem Flüchtlingslager in Ghana geboren. Seine Eltern waren vor dem Bürgerkrieg in Liberia geflohen.

Früh bekam die Familie Davies die Chance, nach Kanada auszuwandern und landete über Windsor in Edmonton, wo er mit dem Fußballspielen begann und früh erwachsen werden musste. "Mit 10 Jahren passte Davies auf seinen Bruder und seine Schwester auf. Während andere Kinder mit Spielzeug oder Videogames spielten, wechselte Alphonso Windeln und machte das Essen", erinnert sich sein Jugendtrainer Nick Huoseh in der Dokumentation "Becoming Canadian. The Alphonso Davies Story".

2015 wechselte Davies zu den Vancouver Whitecaps. Schon mit 15 debütierte er in der nordamerikanischen Profiliga MLS. 2017 wurde er Stammspieler in Vancouver. Im selben Jahr vertrat er sein Land mit 16 Jahren beim Gold Cup, wo er mit drei Treffern den goldenen Schuh gewann.

Mit 17 ging es nach München. Mit 18 traf er zum ersten Mal in der Bundesliga und mit 19 glänzt er vor ausverkauftem Haus im wichtigsten Bundesliga-Spiel der Saison in der Allianz Arena. Märchenhaft.

Bayerns neuer Linksverteidiger oder Außenstürmer?

Auch Bayerns Interimstrainer Hansi Flick war voll des Lobes und wird wohl auch am Samstag im Bundesliga-Spiel bei Fortuna Düsseldorf (15:30 Uhr, LIVE bei uns im Ticker) auf den Kanadier setzen. Weil Jerome Boateng gesperrt fehlt, dürfte David Alaba erneut in der Innenverteidigung gefordert sein.

Der Weg zu weiteren Startelf-Minuten wäre so frei. Zumal Flick in dieser Saisonphase ohnehin viel Wert darauf legt, eine Elf einspielen zu lassen.

Davies kam eigentlich als Flügelstürmer nach München, schon Niko Kovac entdeckte jedoch sein Potenzial auf der Linksverteidiger-Position. Natürlich ist Davies die Umstellung anzumerken. Er verlagert sein Gewicht manchmal auf den falschen Fuß, wenn ein Gegenspieler zum Dribbling ansetzt und verliert so zu schnell die Balance.

Gleichzeitig war ihm vor dem Spiel gegen Dortmund anzumerken, dass ihm noch die Selbstverständlichkeit fehlt, wann ein offensiver Vorstoß Sinn ergibt und wann nicht. Aber das sind vergleichsweise Kleinigkeiten, die er mit mehr Routine in den Griff kriegen wird.

"Er wird Weltklasse", adelte Nicht-Mehr-Bayern-Präsident Uli Hoeneß den jungen Davies kurz vor seinem Abschied von der Bayern-Bühne. Auch wenn Hoeneß mit seinen steilen Prognosen zuletzt nicht immer richtig lag, fällt es schwer ihm hier zu widersprechen.

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